„Die Impfkampagne sollte sprach- und kultursensibler werden“

Ausländische Versicherte haben ein doppelt so hohes Risiko, an Covid-19 zu versterben. Das zeigt eine aktuelle Analyse der AOK Nordost. Prof. Nico Dragano erläutert im Interview die Gründe – und gibt Empfehlungen für die im Herbst geplante Impfkampagne.

Sehr geehrter Herr Prof. Dragano, Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft haben laut unserer Studie ein doppelt so hohes Covid19-Sterberisiko wie Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Wie bewerten Sie diesen Befund?

Der Befund fügt sich ein in Studien aus anderen Industrieländern. Auch dort haben Migrantinnen und Migranten höhere Infektionsrisiken und sind auch unter den Sterbefällen überrepräsentiert. Dafür gibt es mehrere Gründe. Migranten arbeiten häufiger in Berufen, die ein hohes Infektionsrisiko haben. In Deutschland gibt es beispielsweise einen sehr hohen Migrantenanteil in der Reinigungsbranche, aber auch in systemrelevanten Berufen wie der Altenpflege sowie unter Ärztinnen und Ärzten. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Wohnqualität. Auch hierzu gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass Migranten häufiger in beengten Wohnverhältnissen wohnen und pro Kopf weniger Platz zur Verfügung haben. Sie wohnen zudem häufiger in Stadtvierteln mit hoher Einwohnerdichte, also in innerstädtischen Bereichen. Auch beengte Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko, sich zu infizieren.

Zur Person:

Nico Dragano ist Professor für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Leiter des Studiengangs Public Health der Heinrich-Heine-Universität. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Arbeitsgesundheit sowie der Zusammenhang zwischen der sozialen Lage von Menschen und ihren Gesundheitschancen.

Sind Migrantinnen und Migranten vor allem deshalb stärker von Corona betroffen, weil sie im Schnitt einen niedrigeren sozioökonomischen Status haben?


Das ist ohne Zweifel ein wichtiger Grund. Die beengten Wohnbedingungen, die gerade bei der Infektionsausbreitung eine wichtige Rolle spielen, hängen natürlich mit dem Einkommen zusammen. Also wenn Sie viel Geld auf der Tasche haben, sind ihre Wohnungen größer und die Migrantinnen und Migranten, auch in den systemrelevanten Berufen wie der Pflege, verdienen oft wenig. Bildung ist zudem ein weiterer wichtiger Faktor, was Gesundheitskompetenzen angeht: Wie einfach fällt es mir, mich zu diesen Themen zu informieren? Und da zumindest manche Migrantengruppen im Durchschnitt eine eher niedrigere Bildung haben, könnte dies auch einen Einfluss haben.


Wie die 9. Covimo-Studie des RKI zeigt, sind Migranten mit schlechten Deutschkenntnis deutlich seltener gegen Covid-19 geimpft als Migranten mit guten Deutschkenntnissen. Ist Sprache der zweite wichtige Faktor, der die höhere Sterblichkeit unter ausländischen Versicherten erklärt?


Sprachkenntnisse spielen in jedem Fall eine große Rolle. Diese Untersuchung des RKI hat übrigens gezeigt, dass Migranten, die gut deutsch sprachen, genauso häufig angaben, geimpft zu sein, wie Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Diejenigen, die schlecht deutsch sprechen, verstehen oft die Informationen zur Impfung nicht. Sie rezipieren eher die Medien ihrer Herkunftsländer und weniger die deutschen Medien. Vielleicht haben sie auch gar nicht mitbekommen, wo man sich impfen lassen kann. Zudem haben sie sich seltener auf Covid-19 testen lassen.


Die Bundesregierung plant, zum Herbst die Impfkampagne wieder hochzufahren. Sollte diese Kampagne Menschen mit niedrigem soziökonomischen Status und Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen gezielter ansprechen als bisher?


Es wäre in jedem Fall gut, aber das ist nicht ohne größeren Aufwand zu haben. Es reicht nicht, irgendwann im Laufe der Pandemie eine mehrsprachige Internetseite zu haben, sondern man muss diese Zielgruppen auch erreichen. Das heißt, sie müssen überhaupt erst mal darauf kommen, sich diese Angebote anzuschauen. In einigen Kommunen wie Bremen ist das bereits gut gelungen. Die sind ganz kleinteilig und einfach persönlich in die städtischen Räume gegangen, wo Migrantinnen und Migranten wohnen und haben dort direkt mit den Leuten zusammengearbeitet. Die Menschen, die dort die Impfaufklärung gemacht haben, waren zudem selbst aus den Migranten-Communities und konnten deshalb kultur- und sprachsensibel aufklären. Insgesamt braucht man eine Strategie, die die zentralen Probleme adressiert: risikoreiche Berufe, Zusammenballung in engen Wohnvierteln, Sprachprobleme, vielleicht auch ein bisschen fehlendes Vertrauen ins deutsche Gesundheitssystem. Die Impfkampagne sollte also auch bundesweit sprach- und kultursensibler werden. Das wäre meine Empfehlung.


Sollte die Bundesregierung auch den Krankenkassen mehr Mittel bereitstellen, um Menschen mit hohen Krankheitsrisiken künftig besser über Gesundheitsrisiken wie Corona aufklären zu können?


Man braucht eine Strategie, die unterschiedliche Lebensbereiche abdeckt. Und da könnten die Kassen natürlich ein Zugangsweg sein, weil sie ihre Versicherten kennen und diese direkt erreichen können. Ich glaube, die Krankenkassen müssten zunächst einmal in einem entsprechenden Entwurf aufzeigen, wie sie ihre Versicherten genau aufklären wollen und welche Kosten dadurch entstehen würden. Dann wäre durchaus vorstellbar, dass die Kassen hier einen Beitrag leisten könnten und dafür natürlich mit entsprechenden Mittel ausgestattet werden müssen.

1 comments On „Die Impfkampagne sollte sprach- und kultursensibler werden“

  • Dr. Dieter Bonitz

    Wie hoch war denn das Sterberisiko von Ausländern bei Influenza in den Vorjahren? Nur damit man Ihre „Forschungsergebnisse“ mal richtig einordnen kann. Und wie hoch ist das absolute Sterberisiko an und mit Corona von Ausländern und Deutschen? Nur, um die Relevanz des Unterschiedes zu bewerten.

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