Forschungsprojekt für bestmögliche Gesundheitsversorgung auf dem Land

Die Versorgung der Menschen auf dem Land ist eine Herausforderung. Das beginnt bereits beim Handyempfang und endet längst noch nicht beim öffentlichen Nahverkehr. So liegen die Ortschaften meist weit verstreut und die Wege sind weit. Trotzdem sollen Jung und Alt natürlich bestmöglich versorgt werden, mit Handyempfang, Bildung und Gesundheit. Was bei Schulen dank einheitlicher Lehrpläne noch halbwegs planbar ist, wird bei der Gesundheit durch individuelle Krankheiten und Gebrechen zu einem riesigen Mosaik aus Praxen und Kliniken mit unterschiedlichen Spezialisierungen.   

Im Gebiet der AOK Nordost ist der Nordwesten Brandenburgs eine der ländlichen Regionen mit relativ viel Fläche und relativ wenig Menschen, von denen relativ viele auch noch relativ alt sind. Die medizinische Versorgung der dortigen Bevölkerung gestaltet sich zunehmend schwieriger. Deshalb haben sich vor Ort wichtige Akteure im Gesundheitswesen in dem Forschungsprojekt ProReVers zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie ein Verfahren entwickeln, mit dem die medizinischen Bedarfe der Bevölkerung ermittelt werden können. Damit im zweiten Schritt die Konzeptionierung einer zielgerichteten medizinischen Versorgung ermöglicht werden kann, die auch unter herausfordernden Bedingungen wie einer alternden Bevölkerung und gering ausgebauter Infrastruktur stabil funktioniert. Schließlich sind örtliche Praxen nicht rund um die Uhr geöffnet, Kliniken aber auch nicht bei jedem gesundheitlichen Problem die beste Wahl.  

Ein Methodenkoffer für die Planung der medizinischen Versorgung

„Bei etwa 20 Prozent der Krankenhausfälle hätte die Behandlung durch eine bedarfsgerechte ambulante Versorgung auch in der Arztpraxis stattfinden können – wenn die entsprechenden Angebote vorhanden wären“, sagt Dr. Sebastian Liersch, Gesundheitsökonom bei der AOK Nordost, die sich als einzige Krankenkasse an dem ambitionierten Forschungsprojekt beteiligt.   

Erste Erkenntnisse, wie die bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung aussehen kann, wurden bereits vor einigen Jahren im ebenfalls strukturschwachen Nordosten des Landes Brandenburg mit dem Innovationsfondsprojekt IGiB – StimMT (Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg – Strukturmigration im Mittelbereich Templin) gewonnen, das vom Gesundheitsausschuss des Bundestages parteiübergreifend positiv bewertet worden ist. Entwickelt wurde dabei ein sogenanntes Ambulant-Stationäres-Zentrum.

Jetzt soll im Nordwesten Brandenburgs mit einem weiteren speziellen Forschungsprojekt nachgezogen werden: „Mit dem Forschungsprojekt Prospektive Regionale sektorenübergreifende Versorgungsplanung, kurz ProReVers, setzen wir inhaltlich sogar vor StimMT an. Wir schaffen die Datengrundlage, auf deren Basis dann beispielsweise solche Maßnahmen wie die Weiterentwicklung eines Landkrankenhauses in ein Ambulant-Stationäres-Zentrum umgesetzt werden können“, erklärt Dr. Liersch. „Wir wollen eine Art Methodenkoffer entwickeln, mit dessen Hilfe in beliebigen Regionen eine medizinische Versorgung geplant werden kann. Diese soll anders als bisher von Anfang an beide Bereiche – den ambulanten und den stationären – aus der Sicht der Region berücksichtigen.“   

Objektive Zahlen und subjektives Empfinden zusammen betrachte

Doch vor einer Analyse müssen die notwendigen Daten erst erfasst werden. Interessant ist in diesem Fall, welche Angebote in welcher Frequenz in Anspruch genommen werden. Neben amtlichen Daten der Krankenhäuser und der Arztpraxen sollen auch erstmals Bewertungen der Bevölkerung vor Ort einfließen. „Das ist das Besondere an dem Projekt“, erläutert Dr. Liersch. „Wir wollen nicht nur auf die Zahlen schauen, sondern den Einwohnerinnen und Einwohnern der Region Prignitz und Ostprignitz-Ruppin die Gelegenheit geben, ihren ganz persönlichen Eindruck von der Versorgungslage zu schildern: Welche Leistungen nehmen sie in Anspruch? Wie gut erreichbar sind für sie die medizinischen Angebote? Fehlen bestimmte Ärztinnen und Ärzte? Wie zufrieden sind sie generell mit der medizinischen Versorgung?“ Denn, das weiß Dr. Liersch aus Erfahrung, die objektiven Zahlen decken sich nicht immer mit dem subjektiven Empfinden der Menschen vor Ort.  

Projektpartner von ProReVers sind die AGENON – Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen, die AOK Nordost, die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, die KMG Kliniken SE und die Medizinische Hochschule Brandenburg. Teil des Forschungsprojektes ist eine groß angelegte Befragung unter Versicherten der AOK Nordost. Diese Befragung wird im April 2024 stattfinden, die Daten sollen bis Ende 2024 ausgewertet sein. Im Projektverlauf soll ein Vorschlag für einen regionalen sektorenübergreifenden Versorgungsplan erstellt und mit der Fachöffentlichkeit diskutiert werden. Unterstützt wird das Forschungsprojekt ProReVers von der Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg e.V. und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg (MSGIV).  

  

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